Presse
»Die Norddeutsche« vom 22.12.09:
Prachtvoller, weihnachtlicher Lobgesang
Zum 200. Geburtstag Mendelssohn-Bartholdys: Capella und Kammerphilharmonie in Lesumer St. Martini-Kirche
Von Ulf Fiedler, Lesum.
»Jauchzet, frohlocket!« Nein – diesmal war es nicht das beliebte Weihnachtsoratorium von Bach, das eine stattliche Zahl von Besuchern in der Lesumer St.-Martini-Kirche begeisterte. Zum 200.
Geburtstag von Mendelssohn-Bartholdy hatte Hans-Dieter Renken dessen festliche Weihnachtskantate über Luthers Choral »Vom Himmel hoch« sowie Mendelssohns Zweite Sinfonie, den Lobgesang,
ausgewählt. Loben und Frohlocken also auf jeden Fall – und manchmal hatte auch der große Bach dabei seine Finger im Spiel.
Dessen Handschrift zeigte sich in den glanzvoll prunkenden Eingangschören. Der Capella St. Martini stand die Kammerphilharmonie Bremen partnerschaftlich zur Seite. Das Orchester sparte nicht mit Pauken und prachtvollen Bläsereinsätzen und forderte den Chor zu kraftvollem Einsatz heraus. Schnell allerdings zeigte sich neben dem klassisch formalen Ordnungsschema die Vielschichtigkeit und empfindsame Klangmischung der Romantik. Mendelssohn stand in dem Spannungsfeld zwischen Ablehnung alter Traditionen und der notwendigen Erschließung musikalischen Neulands, zumal in der Kirchenmusik. Das Lesumer Konzert zeigte, wie geschickt Mendelssohn diese Gratwanderung bewältigte. Kammersinfonie und Chor bewiesen unter Renkens energischer und zielstrebiger Schlaggebung die Fähigkeit, romantische Gefühlswelten authentisch auszuformen. Kantabilität und expressive Ausdrucksgestaltung sowie Feinsinn in Pianopassagen kennzeichneten die Kantate.
Von den Vokalsolisten beeindruckte am stärksten die Sopranistin Dorothee Fries, durch ihre prachtvoll strahlenden Höhen. Der Bassist Matthias Gerchen zeigte sich bei kultivierter Stimmführung und Artikulation am stärksten in den Mittellagen. Großartig der Schlusschoral "Lob, Ehr sei Gott" in dem Blechbläser, Pauken und Chor einen opulenten Abschluss zelebrierten.
Nach diesem heftig applaudierten ersten Teil des Lesumer Konzerts folgte die Zweite Sinfonie Mendelssohns, der »Lobgesang«. Der Komponist äußerte sich Freunden gegenüber zu diesem Werk: »Ich glaube nicht, dass das Stück viel für Aufführungen taugt, und habe es doch so gern!« Er hätte sicher seine Freude an der Lesumer Aufführung gehabt. An Glanz und Prunk Bachscher Eingangschöre wurde man beim ersten Satz des Vorspiels erinnert. Die dreiteilige instrumentale Einleitung, als Sinfonia ausgewiesen, nahm mehr als die Hälfte des Werkes ein. Die Kammerphilharmonie Bremen präsentierte eine gloriose Festlichkeit bei kontrollierter, ausdrucksvoller Binnenzeichnung. Das tänzerisch beschwingte Allegretto im Mittelsatz wirkte zunächst etwas fremd nach dem emotional aufgeladene Kopfsatz. Eben hier zeigte sich die integrative Fähigkeit des Komponisten. Eine Choralmelodie wurde hier abschnittsweise als Scherzothema aufbereitet und deutete zugleich fröhliche Hoffnung auf Erlösung an. Gefühlvoll aufgeladene Klangdifferenzierung kennzeichnete den Finalsatz Adagio religioso.
Dessen andächtiger Ernst leitete über zum machtvollen Choral »Alles was Odem hat, lobe den Herrn«. Der Tenor Lothar Blum hatte seinen stärksten Einsatz in der mehrfach wiederholten Frage »Hüter, ist die Nacht bald um?« Vom Orchester grandios dramatisch aufgeladen wurde die Dringlichkeit dieser Frage glaubhaft und erschütternd dargestellt. Der Chor nahm sie in gleicher Tiefendimension mit hoch gespannter Dynamik auf. Wie erlösend antwortete Dorothee Fries mit makellos geführten Sopran: »Die Nacht ist vergangen.« Getrost und eindrucksvoll der a cappella gesungene Choral »Nun danket alle Gott« und das majestätische, Chor und Orchester vereinende »Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.«
© Bremer Tageszeitungen AG 2009
»Die Norddeutsche« vom 08.12.09:
Barock und Moderne trafen sich im Licht von Kerzen
Jenny Westman und Hans-Dieter Renken spielten Musik für Gambe und Cembalo in der St. Martini-Kirche in Lesum
Von Jörn Hildebrandt, Lesum.
Wenige Takte genügen, dann ist der Zuhörer eingetaucht in eine feierliche, entrückte Stimmung. In den zierlich-verspielten Klang des Cembalos fällt die Gambe ein, und die Sonate a-moll von Georg Philipp Telemann entführt gleich zu Beginn des Konzerts in die Welt des Barock, die durch die Kerzenbeleuchtung noch näher heranrückt. Jenny Westman spielte die Viola da Gamba und Hans-Dieter Renken das Cembalo bei einem abendlichen Konzert am Zweiten Advent in der St. Martini-Kirche in Lesum. In die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, die dort erklang, war allerdings eine moderne Komposition eingelagert, die an diesem Abend zur Uraufführung kam: »Musik für Jenny«, ein Werk des anwesenden Cembalisten Hans-Dieter Renken. Sein dreiteiliges Werk entführte teils in fernöstliche Sphären, und pendelnde, manchmal sägende Bewegungsmuster schufen Klänge, bei denen die Themen zugunsten eines impressionistischen Tonteppichs zurücktraten. Mit schnellsten Bewegungen war das Gambenspiel von Jenny Westmann aufs Äußerste gefordert.
Schwermut und Eleganz, Versunkenheit und Heiterkeit wechselten ab in der a-moll Sonate Telemanns, während im nachfolgenden »Le Labyrinth« von Marin Marais, Gambenkomponist am Hofe von Versailles,
der Hörer die Verzweiflung eines Menschen teilte, der sich im Labyrinth eines Gartens verloren hat. Ziellos irrte die Musik umher, um schließlich fröhlich zu jubilieren, als der Ausgang gefunden
war.
Hielt sich das Cembalo in den Stücken von Telemann und Marais noch weitgehend zurück, so konnte es in Couperins »Les Baricades Mistérieuses« in den Vordergrund treten und der Instrumentalist sein ganzes Können unter Beweis stellen.
Höchste Anforderungen auch an die Konzentration der Zuhörer stellte die letzte Komposition des Abends, die berühmte Sonate
g-moll von Johann Sebastian Bach, ein Werk, das sich durch höchste geistige Spannkraft auszeichnet – eine glanzvolle Komposition, in der sich die Themen in schneller Folge durchdringen und
verflechten, um im Adagio tiefste Empfindung und Versunkenheit heraufzubeschwören. Hier wie auch in den anderen Werken zeigte sich nicht nur die glanzvolle Beherrschung der Instrumente durch die
beiden Ausführenden, sondern auch die präzise Feinabstimmung zwischen ihnen – ein gelungenes Zusammenspiel von zwei Instrumenten, die fast in Vergessenheit geraten sind.
Die Besucher, die fast die Kirche füllten, bedachten dies mit großem Beifall. Die Zugabe war wiederum ein Stück von Marin Marais und hieß »Katzenjammer«. Auch wenn darin Klagelaute ertönten, ließ der Grundton von Fröhlichkeit die Besucher doch in heiterer Stimmung nach Hause gehen.
© Bremer Tageszeitungen AG 2009
»Die Norddeutsche« vom 24.09.09:
Klangbilder voller Dramatik mit langem Beifall belohnt
Capella St. Martini und Kammerorchester Bremer Ratsmusik präsentierten Paulus-Oratorium in der Lesumer Kirche
Von Ulf Fiedler, Lesum.
Minuten langer Beifall in der voll besetzten Lesumer St. Martini-Kirche krönte eine gelungene Aufführung des Paulus-Oratoriums von Mendelssohn-Bartholdy. Schon seit seiner Uraufführung in
Düsseldorf 1836 begleitete der Erfolg dieses Oratorium. Das allerdings gibt keine Garantie dafür, dass auch für die gegenwärtige Generation ein ganz der Romantik verschriebenes Werk mit gleicher
Begeisterung aufgenommen wird. Umso schwerer wiegt die aktuelle Zustimmung. Die Gründe sind bald genannt. Hans-Dieter Renken hatte mit seiner stattlichen Capella St. Martini einen sorgfältig
vorbereiteten Chor und mit dem Kammerorchester Bremer Ratsmusik ein exzellent und leidenschaftlich agierendes Ensemble zur Verfügung. Am Dirigentenpult ließ Renken keine romantische Verzärtelung
zu, sondern achtete durch eine energische Schlaggebung auf strukturelle Deutlichkeit, Stringenz und dramaturgische Logik.
(...)
Die Lesumer Aufführung bestach durch ein bei aller Wechselstimmung stabil geerdetes Musikantentum. Eine Direktheit des dramatischen Zugriffs, das Gespür für Tiefenwirkung und der Mut zu ungebrochener Gefühlsäußerung gaben der Aufführung Kompetenz und Würde. So gelang streckenweise das schwierige Unterfangen, ein durch Tradition und Legende unscharf gewordenes Geschehen als glaubhaftes Gefühl der Gegenwart zu vermitteln. Die Capella St. Martini zeigte sich als in sich geschlossener, sensibel reagierender Klangkörper. Kantabilität und expressive Ausdrucksvielfalt zeichneten die auf Instrumenten der Romantik spielende Bremer Ratsmusik aus. Die Vokalsolisten Jana Stehr, Sopran, Andreas Post, Tenor und der Bassist Konstantin Heintel sorgten mit kultiviertem Stimmpotenzial für eine subtile Psychologisierung der handelnden Personen. Tenor und Bass agierten scharf profiliert an den zahlreichen Schnittstellen dramatischen Geschehens. Die wenig geforderte Altistin Karin Neubauer gefiel durch das innig und warmherzig gestaltete Arioso »Doch der Herr vergisst die Seinen nicht«. Wenn auch gelegentlich Themen von Bach anklangen, war doch das Werk völlig der Romantik verpflichtet. Das wurde bereits in der Ouvertüre deutlich, in der die Bremer Ratsmusik mit einem hoch empfindsamen Klanggeflecht und dramatischer Zuspitzung kürzelhaft die Spannungsdichte der Handlung andeutete. Die Ratsmusiker emanzipierten sich fast durchgängig von einer blossen Begleiterrolle zum eigenständig in das Geschehen eingreifenden Partner sowohl der Vokalsolisten als auch der Capella. Lyrisch eindrucksvoll die Cavatine »Sei getreu bis in den Tod«. Zwischen solchen pastoralen Passagen wie der Cavatine oder der Sopranarie »Jerusalem, die du tötest die Propheten« und dem hoch dramatischen, durch erregte Stakkati der Streicher und drohende Hornstöße angespornten »Steiniget ihn!« erstreckte sich die ganze Spannweite musikalische Darstellung.
© Bremer Tageszeitungen AG 2009
St. Martini Bremen-Lesum / Konzerte 2011/2012